Gottfried Mairwögers Werk




"Der Maler erzeugt eine eigene Bildwirklichkeit- dazu kann man durchaus den Farb- und Formenkanon aus der Natur übernehmen. Aber man muss eine eigene Bildwelt aufbauen, mit allen emotionalen Kräften." (Gottfried Mairwöger)



Die Farbfeldmalerei, auch als Colorfield Painting bezeichnet, hat ihren Ursprung in den USA der 1950er Jahre. Kennzeichnend für jenen Stil, der aus dem Abstrakten Expressio­nismus hervorging, sind abgegrenzte farbige Flächen auf übergroßen Bildformaten. Ruhige Kompositionen und ein sich auf das malerische Moment konzentrierender, re­du­zierter Farbauftrag erzeugen eine meditative Bildwirkung, die über Inhalt und Form steht.

 

Ende der 1950er Jahre stießen die verschiedenen Ausprägungen des Abstrakten Expres­sionismus, so auch die Farbfeldmalerei, bei europäischen Künstlern auf großes Interesse. Offenheit, Experimentierfreude und eine Tendenz zur Internationalisierung waren auch die Beweggründe österreichische Vertreter neue Wege in der Malerei zu beschreiten. Zu ihnen zählen heute namhafte Künstler wie Wolfgang Hollegha, Josef Mikl oder Markus Prachensky, die sich der Abstraktion verschrieben und infolge prä­gend für nachfolgende österreichische Maler waren.

Das Frühwerk 1971 - 1985

Als Gottfried Mairwöger 1971 sein Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Josef Mikl begann und 1973 bei Wolfgang Hollegha fortsetze, entstanden, nach anfänglichen Natur- und Aktstudien, rasch großformatige Ölbilder auf Leinwand im Stil der Farbfeldmalerei: Eine schicksalshafte Begegnung mit dem amerikanischen Kunstkritiker Clement Greenberg anlässlich einer Gruppenausstellung in der Galerie Wentzel in Hamburg, 1976, brachte die entscheidende Wende.

 

Es folgte eine Einladung in die USA, wo er, neben bedeutenden Vertretern der sogenannten zweiten Generation des Abstrakten Expressionismus wie Mark Rothko, Barnett Newman und Morris Louis, auch die Künstlerin Helene Frankenthaler kennen lernte, die als Wegbereiterin der so­ge­nannten Soak-Stain-Technik gilt. Eine Technik, in der Künstler mittels stark verdünn­ter Ölfarbe auf ungrundierter Leinwand arbeiten. Dies ermöglicht das Eindringen der Farbe in den Malgrund, sodass Bildträger und Malmittel zu einer Einheit verschmelzen. Die Farbe verliert dabei ihre Stofflichkeit und erlangt eine Form von Schwerelosigkeit, vergleichbar einem Aquarell. Nicht Rhythmus und Dynamik stehen dabei im Vorder­grund, sondern der Farbfluss.

 

 

Während Wolfgang Hollegha im Abstrakten Expressionismus zu Naturdeutungen neigte, Josef Mikl abstrakter Figuration zugetan war und Prachenskys Bilder von Dynamik und architektonischem Denken geprägt waren, verschrieb sich Gottfried Mairwöger der Farbe als reine Ausdrucksform, die er in der Technik des Color-Field-Painting und folglich der Soak-Stain-Malerei eindrucksvoll umzusetzen wusste. Mit wenigen Ausnahmen, so in den 1980er Jahren, blieb er jenem Stil treu, weshalb sein Œuvre heute, in genanntem Kontext, unbestritten zu den bedeutendsten jener Gene­ration österreichischer Maler gehört.

 

In seinem mehr als dreißigjährigen künstlerischen Schaffen, wandelte sich Mairwögers Stil mehrmals: Beispiele seiner frühen Arbeiten zeigen einzelne oder sich überlappende Farbflächen auf ungrundierter Leinwand, die im Sinne der Farbfeldmalerei als elementarer Bestandteil seiner Werke und folglich als bedeutendes Gestaltungselement fungierte. Die im Frühwerk verwendete Farbig­keit wirkt zurückgenommen, gedämpft, nahezu samtig: erdiges Rotbraun, verhal­tenes Ockergelb, milchiges Blauviolett oder moosiges Grün treffen weich aufeinan­der oder kreuzen behutsam ihre „Bahnen“.

 

Clement Greenbergs Aussage zur Farbfeldmalerei wonach sich „[…] der „Atem“ aus der Materialität der Leinwand selbst ergeben müsse und so Farbe mit dem Untergrund eine körperliche Einheit bilde“ (Anmerkung 1), wird für den Betrachter hier anschaulich nachvollziehbar. Jenes Bündnis, das Bildträger und Farbe dabei miteinander eingehen, findet sich auch im späteren Werk Mairwögers wie­der. Dabei bleibt die unbehandelte Leinwand nur mehr partiell in ihrer Direktheit sichtbar und wird in weiterer Folge mit der eingedrunge­nen Farbe gänzlich, flächende­ckend, übermalt. Weitere Werke belegen das für die Soak-Stain-Technik typische freie Fließen der Farbe, wodurch die Begrenzung des Formats der Leinwand quasi aufgehoben und eine Verschiebung in Richtung physischen Raum des Betrachters herbeigeführt wird. Eine sphärische Stim­mung auslösend, bewegen sich die Farbflächen auf diese Weise scheinbar über den Bildrand hinaus. Andere Beispiele wiederum zwingen uns buchstäb­lich, aufgrund angedeuteter zirkulärer Bewegungen oder durch Kreuzungspunkte herbei­geführte Überschneidungen, in deren Zentrum vorzudringen und dort zu verhar­ren. In den ausgewählten Arbeiten werden damit Mairwögers kontinuierlich malerische Versuche und Experimente mit Farbe in unter­schiedlichen Abstufungen, Überlappungen, deren Fluss und Kraft, deutlich.

Werke auf Papier

Parallel zur Malerei auf der Leinwand entstand eine große Anzahl an Papierarbeiten. Neben hunderten Einzelblättern belegt eine Vielzahl an Skizzenbüchern seinen Schaf­fensdrang. Wenngleich Mairwögers großformatige Leinwandbilder, national wie inter­na­tional, im Fokus der Aufmerksamkeit standen, gebührt seinen Papierarbeiten, nicht nur im Hinblick auf das Gesamtœuvre, sondern insbesondere auch aufgrund deren Relevanz hinsicht­lich einzelner Entwicklungsphasen, das Auslo­ten immer neuer Farb­kompositio­nen und Malmittel sowie seiner Versuche mit Applikati­onen und unter­schiedlichen Malgründen, hinlängliche Beachtung:

 

Unzählige Blätter belegen Mairwögers schöpferisches Werk auf Papier. Beispiele der 1970er Jahre verdeutli­chen den Wandel von Naturstudien, Landschaf­ten und Aktzeichnungen, hin zur Farbfeldmalerei und zur Soak-Stain-Technik und führen uns so sein mannigfaltiges Ringen um Farbkanons, Verdich­tungen und Auflösungen vor Augen. Infolge berücksich­tigen die ausgewählten Exponate Beispiele mit deutlich voneinander getrennten Farbfeldern ebenso, wie solche die zu starker Überlappung neigen. Farbkompositionen in Serien, von mo­nochrom bis zur grellen Buntheit, zeigen seine kontinuierliche Ausei­nanderset­zung hinsichtlich Farbzusammenstellungen und Gestus. Unterschiedliche Bildformate und die vielfältige Wahl seiner Bildträger gehen mit überraschenden malerischen Resultaten einher und sind, neben zuvor erwähnten seriellen Wiederho­lungen, befruchtend für die Arbeit auf der Leinwand. Das genannte breite Spektrum seiner Experimentierfreude zeigt sich ebenso in den von ihm verwendeten Malmitteln auf Papier, zu denen neben Grafit, Kreide, Bunt­stifte und Tusche insbesondere die stark mit Terpentin verdünnte Ölfarbe gehören.

Die Pastose Phase 1985 - 1995

Als Gottfried Mairwöger Mitte der 1980er Jahre, dem Ineinanderfließen und Überla­gern von Farbe auf ungrundierter Leinwand quasi den Rücken kehrte und zu einer stark pastosen Malweise mit strukturierten, gestischen Kompositionen überging, stieß jener Stil, vor allem bei den Galeristen, auf Ableh­nung. In den Werken aus dieser Phase zeigen sich unterschiedlich starke, mittels Spachtel in zahlreichen Schichtungen aufgetragene, teigig anmutende Farbstrukturen, die sich, aufgrund ihrer Plastizität, deutlich von der Leinwand abheben.

 

Die so entstandenen, reliefartigen Oberflächenstrukturen, reflektieren das ein­fallende Licht und verstärken damit deren dreidimensionale Bildwirkung. Mairwögers Arbeiten in jenem Stil verweisen auf deren Expressivität, Kraft und Dynamik und gehören heute, im Bezug auf sein Œuvre, zu jener signifikanten Werkphase, innerhalb der er Risiken einging, um die Gefahr der Virtuosität zu durchbrechen und so bewusst Lösungen zu meiden, von denen er wusste, dass sie funktionieren.

Das Spätwerk 1995 - 2003

In den 1990er Jahren griff Mairwöger die wesentlichen Gestaltungselemente seiner ersten Periode erneut auf und erweiterte diese. Lasierende, mitunter auch deckende Farbschichten werden nun meist stark überlappend, in ruhigem Fluss oder in dynami­schen Gesten auf der Leinwand aufgebracht. Inspirationsquelle waren stets die meist mehrere Monate andauernden Auslandsaufenthalte. Die dort gewonnenen Licht­eindrücke und Empfindungen zeigen sich in immer neuen Farbzusammenstellun­gen und Abwandlungen: von monochrom bis zur exzessiven Buntheit, reduziert oder variationsreich, lasierend bis pastos, zurückgenommen bis zum flächendeckenden All-Over.

 Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der Farbfeldmalerei nicht nur auf­grund der radikalen Loslösung von Inhalt und Form eine avantgardistische Rolle in der Geschichte der Malerei zukommt, sondern auch aufgrund dessen, dass sie der Farbe im Bezug auf die reine Malerei zur Autonomie verhalf. Jener Souveränitätsanspruch, den Malerei hier über den Weg des Color Field Painting für sich geltend machen konnte und in der Soak-Stain-Technik quasi sublimierte, lebt auch heute noch in den Bildern Gottfried Mairwögers in einer Unmittelbarkeit und Frische fort, wie zur Zeit ihrer Entste­hung. Mairwögers Werke verweisen anhand seines künstleri­schen Œuvres unter anderem auf den weitreichenden Einfluss, den jene Konzentration auf die Farbe als primäres bildnerisches Element auch in Österreich ge­nommen hat und unterstreicht infolge deren Bedeutung im Kontext österreichischer Malerei nach 1945.

 

 

 

Lydia Altmann, April 2015

 

 

 

1 Vgl. Anne-Grit Becker, After Abstract Expressionism oder Clement Greenbergs Qualität der „Offenheit“, in: ALL-OVER, Nr. 1, Juli 2011.