Der Künstler Gottfried Mairwöger

"Ich male, weil ich sehen will." (Gottfried Mairwöger)

Bilder, geprägt von menschlichen Emotionen, voll glühendem Leben, den Augenblick auskostend und dennoch Endlichkeit in sich tragend. Farben, diffus fließend, flächig abgegrenzt, minimalistisch, bisweilen monochrom anmutend, bis hin zur vielschichtigen Buntheit. Der sich auf das malerische Moment konzentrierende Farbauftrag erzeugt eine meditativ, sublime Bildwirkung, die über Inhalt und Form steht: Eine Mischung aus Spontanität, Zufall und Kalkül.

 

Die Farbfeldmalerei, so habe ich irgendwo gelesen, rufe einen Augenrausch hervor und sei wie eine Droge, von der man nur mehr schwer wieder los käme. Auch ich bin ihr verfallen - spätestens in dem Moment, als ich den Ort betrat, an dem Gottfried Mairwögers Nachlass aufbewahrt wird: Eine Fülle bemalter Leinwände reiht sich dort, an Wände gelehnt oder vorbildlich auf Schienensysteme gehängt, aneinander. Eine nicht minder große Zahl gerollter Exponate wartete noch darauf gesichtet zu werden. Auch 12 Jahre nach seinem Tod ist hier noch jene Leidenschaft spürbar, der er sich als Maler zeitlebens verschrieben hatte. Ein ruheloser, vom Rausch der Farben getriebener Künstler. Eine hochsensible Persönlichkeit, der wir erst über den Weg der Malere in jene Form begegnen. Er liebte das Leben, das Licht, die Farben und die Malerei und ich denke, sie alle liebten ihn.

 

Am 4. Februar 1951 in Tragwein in Oberösterreich geboren, begann er 1971 sein Studium bei Josef Mikl an der Akademie der Bildenden Künste in Wien und setzte es 1973 bei Wolfgang Hollegha fort. Über Natur- und Aktstudien kam er früh zur Farbfeldmalerei, die ihm rasch zu Aufmerksamkeit in der Kunstwelt verhelfen sollte: Anlässlich einer Gruppenausstellung in der Galerie Wentzel in Hamburg, 1976, gemeinsam mit Markus Prachensky, Arnulf Rainer und seinen Lehrern Mikl und Hollegha, kam es dort zu einer schicksalshaften Begegnung mit dem amerikanischen Kunstkritiker Clement Greenberg.

 

Eine Einladung in die USA brachte die entscheidende Wende in seinem Schaffen. Künstler wie Morris Louis, Kenneth Noland oder Helen Frankenthaler hatten sich dort der sogenannten Farbfeldmalerei verschrieben. Anstelle mit dickflüssiger Farbe, arbeiteten Colorfield-Künstler mit verdünnten Pigmenten. Helen Frankenthaler schuf infolge fließende Kompositionen, indem sie die unbehandelte Leinwand regelrecht mit verdünnter Farbe tränkte: Durch diese Technik des „Soak-Stain-Painting“ entstanden Gemälde, vergleichbar gigantischer Aquarelle. Für Gottfried Mairwöger war dies eine bedeutsame Quelle der Inspiration. Stark mit Terpentin verdünnte Ölfarbe verteilte sich nun bei ihm in expressiver oder ruhiger Geste, über seine großformatigen Leinwände. Er verwendete sie lasierend, zeitweise abgegrenzt, gelegentlich überlappend bis hin zum flächendeckenden All-Over. Die Hinwendung zur Farbe als reine Ausdrucksform, sein Verständnis über deren komplexe Wirkungsmöglichkeiten und die daraus resultierenden vielschichtigen Assoziationen, bescherten ihm einen kometenhaften Aufstieg als Künstler.

 

Inspirationsquelle war stets die Natur und ihr Facettenreichtum: Licht und Landschaften aber auch unterschiedliche Kulturen, persönliche Stimmungen und Empfindungen zeigen sich in immer neuen Kombinationen und Modifikationen auf der Leinwand. Seine Farbimpressionen erlauben dem Betrachter mannigfaltige Zugänge. „Farbe“, so Wassily Kandinsky, „ist ein Mittel, das direkten Einfluss auf die Seele ausübt. Die Farbe ist die Taste. Das Auge der Hammer. Die Seele das Klavier mit vielen Seiten. Und der Künstler ist die Hand, der die menschliche Seele in Vibrationen bringt.“1

 

Nicht ohne Grund wird folglich den Bildern der Farbfeldmalerei eine sublime, also erhabene Wirkung zugeschrieben. Begriffe wie meditativ und transzendent gehen damit einher. Charakteristika, die uneingeschränkt auch auf Mairwögers Bilder zutreffen: Unser Auge versinkt in Variationen aus sphärischen Blautönen, entdeckt Weiß in ungeahnten Abwandlungen und ist fasziniert ob der erregenden Liaison von Rot mit violetten, gelben oder grünen Farbklängen. Im Fluss der lasierend und überlappend aufgetragenen Farben treten unerwartet neue Nuancen zutage: Sie bringen die Bilder zum Klingen, verursachen Vibrationen, bis hin zu Flimmern oder nehmen sich, raum- und zeitlos in sich ruhend, vornehm zurück.

 

Als Mairwöger jenen Stil Mitte der 1980er Jahre gegen einen stark pastosen Farbauftrag eintauschte, stieß seine neue Malweise vermehrt auf Ablehnung. Passte ähnlich spachtelte er jetzt dicke Ölfarbe nebeneinander, ineinander und übereinander. Eine erhabene mitunter dreidimensionale Wirkung strukturierte von nun an seine Bilder. Aus heutiger Sicht ist jene Werkphase überaus bemerkenswert, zeigt sich doch gerade an jenen Beispielen, dass er als Maler Lösungen mied, von denen er wusste, dass sie funktionieren. Er ging damit bewusst Risiken ein, um die Gefahr der Virtuosität zu durchbrechen und sich so stets selbst aufs Neue herauszufordern. Aus diesem Grund berücksichtigt auch die vorliegende Auswahl der Core Collection anhand signifikanter Beispiele jene Phase und unterstreicht damit erwähnte Bedeutung im Bezug auf das Gesamtœuvre.

 

Nachdem unser Fokus bislang auf seine Leinwandarbeiten gerichtet war, gilt unsere ungeteilte Aufmerksamkeit nun seinen umfangreichen Arbeiten auf Papier. Neben zahlreichen Skizzenbüchern belegt eine enorme Zahl an Einzelblätter seinen Schaffensdrang. Eindrucksvoll wird hier seine Experimentierfreude hinsichtlich Farbkompositionen, Malgründe und diverser Applikationen deutlich: Hunderte bemalte Aquarellpapiere, Kartons, Bütten, Velours-, Japan- oder Seidenpapiere, meterlange Papierbahnen, Bleistiftzeichnungen, Arbeiten mit Kreide, mit Buntstiften, mit verdünnter Ölfarbe, doppelseitig bemalte Blätter, Beispiele ergänzt mit verschiedensten Materialien, solche mit nur geringfügig abgeänderten Farbkanons, Papiere mit minimalistischem oder flächendeckendem Farbauftrag. Die hier gezeigte Auswahl lässt nur erahnen, in welchem Umfang er zeitlebend schöpferisch tätig war.

 

Als Gottfried Mairwöger 2003 an den Folgen von Lungenkrebs im Alter von 52 Jahren verstarb, hinterließ er einen Nachlass, der uns eindrucksvoll österreichische Farbfeldmalerei in ihren unterschiedlichen Fassetten anhand einer einzelnen Position verdeutlicht. Bis heute haben seine Bilder nicht an Kraft und Atmosphäre eingebüßt. Sie erscheinen frisch wie am ersten Tag und lassen hoffen, dass jenes künstlerische Erbe in unserem Bewusstsein verankert bleiben möge.

 

Lydia Altmann, April 2015

 

1 Vgl. Wassily Kandinsky, Über das Geistige in der Kunst, 3. Auflage, Bern

2009, S. 68.